Getting Tough Race: Wenn Oberschenkel und Waden eine Symphonie aus Krämpfen spielen

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Vorwort: Die Getting Tough Race fand zwar schon am 5.12.2015 statt und den Entwurf für den Beitrag hatte ich danach schon relativ schnell fertig. Aber bis zur Zusammenstellung der Bilder ist er dann doch eine ganze Weile liegen geblieben. Sie war einer meiner härtesten Wettkämpfe. Und das intensive Erlebnis ist immer noch wie in meinen Kopf gebrannt.
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Klar, ich schreibe meine Wettkampfberichte um meine Erfahrungen mit euch zu teilen. Dieser zur Getting Tough Race 2015 soll einen weiteren Zweck haben. Um genau zu sein, einen für mich selbst: Falls ich 2016 noch mal an der Getting Tough Race teilnehme, werde ich ihn noch mal durchlesen, um sicher zu gehen, welche Fehler ich nicht machen sollte.

Falls ihr nur eine Kurzform lesen wollt, könnt ihr hier zu meinen 9 Tipps zur Getting Tough Race springen.

Es sollte mein Letzter Wettkampf des Jahres sein: Die Getting Tough Race im Thüringischen Rudolstadt. Ich habe Erfahrung bei zwei StrongmanRuns gesammelt, so dass ich mich reif für einen noch härteren Hindernislauf fühlte. Das Jahr 2015 hatte für mich bislang eine deutlich andere Prägung, so dass ich es als Fun-Veranstaltung verbucht habe. Es gab keine spezifische, zielgerichtete Vorbereitung und dafür sollte ich büßen.

Auf Grund von #400in100 war 2015 das Jahr der Kurzstrecke. Nicht nur der 400-Metersprint, auch die kurzen Firmenläufe und schnelle 10er standen im Fokus. Letztendlich war der Rennsteig-Halbmarathon im Mai der einzige Lauf über 20 Kilometer in diesem Jahr. Es gab auch keinen Trainingslauf der länger war.

Mit Prinzessinnen, die mal Kühe waren

Benny vom Athetic Fitness Camp hatte die Getting Tough Race im Kalender, als Vorbereitung auf den Tough Guy in England. Er war auch derjenige der mich dafür begeisterte. Leider musste er auf Grund einer hartnäckigen Erkältung aussetzen. Er kam trotzdem mit, um das Flair zu erleben und um die Jungs, die mit ihm zum Tough Guy reisen, und mich anzufeuern.

Gemeinsam buchten wir eine AirBnB-Unterkunft in der Nähe Rudollstadts. Dort stimmten wir uns schon am Vorabend auf das Rennen ein. Ich erfuhr, dass die ersten 200 der über 2.000 Starter eine besondere schwarze Medaille erhalten werden, das hat sich in mir als Ziel manifestiert.

Am Wettkampfmorgen holten wir Startnummern ab und ich traf auf meinen ehemaligen Studienkollegen Marcus und seinen Bruder Sebastian. Gemeinsam haben wir schon vor 5 Jahren im Kuhkostüm (Anm. d. Red.: Mit Euter) den Dresdner Campus-Lauf gerockt. Auch dieses mal, liefen die beiden kostümiert – als Prinzessinnen. Ich besann mich auf ein funktionales unkostümiertes schwarz.

Ein bisschen wie Rennsteiglauf

Mit den beiden absolvierte ich auch die ersten Meter des Laufs. Ein Massenstart über 400 Meter Breite mit Kriechhindernis und zwei folgenden Wassergräben, aus denen wir uns gegenseitig zogen. Wir waren, als sich alles auf einer Straße einfädelte, relativ weit hinten positioniert. Nach den ersten Hindernissen setzte ein sehr welliges Profil ein.

Ich konnte zu dieser Zeit noch nicht verstehen, warum Marcus, der schon an allen vorherigen Ausgaben der Getting Tough Race teilnahm, seinen Bruder aufforderte die ersten Berge betont ruhig anzugehen und teilweise auch mal zu gehen. So kam es, dass ich mich Stück für Stück von den beiden Prinzessinnen entfernte – Ich sollte sie an diesem Tag noch mal wieder sehen.

Und dann begann ein Rennen, wie ich es mag. Sehr bergig, es fühlte sich ein bisschen an wie der Rennsteiglauf. Es gab sehr viele Single-trail-Abschnitte. Ein Großteil der Athleten um mich rum ging in den Berg-an-Passagen. Ich habe das Signal nicht verstanden und erklomm die Höhen im Laufschritt. Es fühlte sich gut an, schließlich war es meine Hood. Auf und Ab im Thüringer Wald, mit solchen Läufen bin ich groß geworden, das lag mir.

Die Hindernisdichte war noch sehr gering. Es gab mal einen Autoreifen, den man über ein paar Hügel schleppen musste, einen Bus durch dessen Gepäckfach man robben musste und eine Papier-Fabrik neben der Altpapierstapel aufgebaut waren, über die man drüber Klettern musste. Die Hindernisse waren vereinzelt und hielten nicht wirklich auf. Eine wichtigere Qualität war eher das Abwärtslaufen, durch das ich mindestens genausoviele Positionen gut gemacht habe, wie aufwärts.

Klar auf Kurs Top200

Ein älterer Herr, der anscheinend mitzählte, rief mir zu, dass ich mich ungefähr auf Rang 140 befinde. Das euphorisierte: Ich fühlte mich noch unheimlich gut und pacete auf flachen Passagen: Ich hatte schon über 15 Kilometer hinter mir. Nach ein paar weiteren Hügeln wurde die Anzahl an Zuschauern höher. Und es kam ein ungefähr 600 Meter langer bauchnabel-hoher Wassergraben, durch den ich schreiten musste. Rückblickend muss ich sagen, dass ich hier etwas zu schnell durchgegangen bin. Die Ursache war vor allem, dass ich wieder aus dem kalten Wasser rauswollte.

Dabei traf ich auch wieder auf Benny, der mich anfeuerte und fotografierte. Ich hatte noch echt gute Laune, weil ich streckenmäßig schon einen Großteil hinter mir hatte. Und weil ich keinen Schimmer davon hatte, welche Tortur noch vor mir lag. Ich pushte das reichliche Publikum um mehr Krach zu machen und das Publikum pushte mich. Ich erreichte eine alte DDR-Kampfbahn mit Kletterhindernissen, Feuer, Krabbelröhren und Sandsäcken zum Schleppen.

Ich bat Benny, der am Rand stand, Anne ein Foto von mir zu senden und ihr zu sagen, dass es mir gut geht. Ein anderer Zuschauer unterbrach mich und rief: „Noch!“ Ich konnte es mir in dem Moment noch nicht wirklich ausmalen, wie das gemeint ist.

Grübelnd an der Stange

Ich lief weiter und es ging in Richtung Schwimmbad. Erst ins Nichtschwimmerbecken. 7 Holzstämme lagen quer und ich musste jeweils einzeln darunter durchtauchen. Die ersten 3 gingen ganz gut, aber auf Grund der Außentemperatur von 3°C war natürlich auch das Wasser nicht viel wärmer. Ab dem 4. hämmerte der Kopf. Es gibt schließlich keine Fettschicht auf der Stirn. Irgendwie kam ich da durch und verließ das Nass.

Dann stand ich vor dem Schwimmer-Becken mit einer Längsstange zum darüber hangeln, auf ca. 10-Meter-Länge. Im Gegensatz zu einer Affenleiter schwingt man hier quer, was es schwieriger macht Schwung auszunutzen. Das Rohr hatte einen hohen Durchmesser, so dass es mir sehr schwer fiel es zu umgreifen. Gegen Ende habe ich mich zwei mal vergriffen, was ich jeweils durch einarmiges Hängen ausgleichen musste. Das kostete soviel Kraft, dass ich einen Meter vor dem Ende nicht mehr konnte. Ich hing an der Stange und grübelte, wie es jetzt weitergeht. Bis ich mich schließlich ins Wasser fallen lassen musste, um wieder herauszuklettern.

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Ab da wurde das Rennen die Hölle für mich. Ich musste über Reifen und durch Wasser-Container. Der Oberschenkel-Krampf meldete sich an, kam aber noch nicht durch. Und dann gab es wieder eine längere Lauf-Passage. Genau das, was ich jetzt brauchte: vertraute gleichförmige und gleichmäßige Bewegungen. Nichts, was mich aus der Balance bringt, einfach laufen. Und auch hier war ich nicht klug: Ich wusste dass das Ziel-Areal mit dem Walk of Fame (ca. 140 Hindernisse) nicht weit ist und pacete wieder. Ich hatte immer noch die schwarze Medaille im Kopf, die auf die besten 200 wartet. Ich hätte aber aktiv regenerieren müssen – ich tat es nicht und büßte dafür.

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Als nächstes ging es durch die Saale. Dort warteten mehrere Traktorreifen, hochkant stehend, am Rand. Kaltes Wasser und Klettern, der erste Krampf war da, der zweite gesellte sich dazu. Jedes mal wenn ich vom Reifen in den Fluss sprang ging kam ein Neuer. Da ich nicht wusste wie tief bzw. flach es jeweils ist, musste ich intensiv abfedern: Krampf Krampf Hurra!

Unter der Weicheidecke

Dann wieder raus aus der Saale, nur noch wenige Meter bis zum Walk of Fame. Krabbel-Hindernisse, Kletterhindernisse, Stromschläge und dann ständig Feuerwehrschläuche mit kaltem Saalewasser. Ich hatte die Schnauze voll.

Das Nervigste waren 1,80 hohe Holzwände. Es gab ungefähr 30 Stück und man musste da irgendwie drüber kommen. Und danach landen. Das war das Schwierigste. Schließlich war dafür eine kurze und intensive Anspannung der Beinmuskulatur notwendig. Mehrmals verspürte ich nach dem Landen Krämpfe.

Einmal war es so intensiv, dass ich ein paar Minuten auf dem Boden liegen bleiben musste und sich Sanis um mich sorgten. Sie strecken meine Wade (was zu einem Oberschenkelkrampf führte). Als sie eine Rettungsdecke auf mich legten, war der Spaß für mich vorbei :-D. Ich wollte nicht, dass Fotos entstehen, auf denen ich unter einer Weicheidecke zu sehen bin. Ich nahm mein letztes Powergel zu mir und kämpfte mich wieder hoch. Ich hätte es mir wohl intravenös reinhauen sollen, da sich meine Probleme dadurch nicht gelöst haben.

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Es ging über Panzer und schrottreife Autos. Und dann wieder ein Hindernis aus Krabbeln und Klettern garniert mit nassem Wasser. Als ich durch war kam die nächste intensivere Krampfphase. Ich stützte mich auf einem Heuballen ab und stabilisierte Oberschenkel und Waden in einen „Winkel des Krampfgleichgewichts“. Jede Beinbewegung, egal in welche Richtung, führte zu einem Krampf. Also hielt ich still. So verbrachte ich ein paar Minuten. Eine Frau kam zu mir und brüllte mich an: Was ich mir eigentlich einbilde? Ich solle doch endlich weiter machen und nicht so rumjammern! Ein schöner Kontrast zu den besorgten Sanitätern beim vorherigen Krampf. Sie nervte mich so, dass ich mich wieder hochkämpfte und mit gestreckten Beinen ein paar stampfige Schritte voran schritt. Ich wusste noch nicht, dass ich ihr im Nachhinein dankbar bin.

Und wieder die Prinzessinnen

Ich kämpfte mich durch den Walk of Fame und hörte die ganze Zeit schon Zieleinläufe. Wurde während der Krampf-Pausen durch etliche Läufer überholt und verabschiedete mich von der schwarzen Medaille. Stolz war ich, als ich bei breiten Kriechhindernissen meine eigene Technik erfand. Statt zu robben legte ich mich quer und rollte durch: die sogenannte Laufsteiger-Rolle. Der Vorteil war, dass ich meine Beine nicht anwinkeln musste um voran zu kommen. Gewissermaßen: Tausche Krampf gegen Drehwurm. Wenn es zu eng war für die Rolle, robbte ich nur mit den Armen und schliff meine Beine hinterher.

Am kniffligsten für mich waren allerdings die Kletterhindernisse. Mit den Holzpyramiden kam ich zwar noch klar. Aber ein ca. 9 Meter hohes Metallgerüst, verlangte mir sehr viel Respekt ab. In höchster Konzentration und mit krampfrobuster Klettertechnik arbeitete ich mich Millimeter für Millimeter voran. Wichtig war die Einhaltung von 3 Fixpunkten. Wenn ich einen Arm oder ein Bein bewegte, waren die anderen 3 fixiert. Und danach war ich auf der Zielgeraden, es gab noch einige kleinere Kletter- und Kriechhindernisse und viele viele Schmerzen.
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Aber so ca. 5 Hindernisse vor Schluss kam ein Endorphinschub. Die zwei Prinzessinnen holten mich wieder ein. Die Freude darüber gab mir Energie für die letzten Hindernisse. Sie zogen mich mit über die letzten Hürden. Dann gab es nur noch eine enge Röhre: Einmal durch und ich war da! Ich hab´s überlebt und war stolz.
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9 Lehren für´s nächste mal

Rückblickend war´s eigentlich ziemlich verrückt einen solchen Hindernislauf ohne wirkliche Trainingskilometer zu avisieren. Von der Intensität lagen gefühlt Welten zwischen diesem Wettkampf und dem StrongmanRun am Nürburgring.

Ich sehe in mir aber auch das Potenzial bei diesem Wettkampf gut abzuschneiden. Aber ihn so nebenbei am Saisonende einfach mal mitzumachen, war definitiv nicht die richtige Strategie. Also entweder zielgerichtetes Training oder die Laufstrecke gemächlich angehen. Mit ein paar Tagen Abstand, bin ich auch schon gewillt da 2016 wieder mit zu machen.

Hier 9 Tipps zur Getting Tough Race, die ich mir im nächsten Jahr in Vorbereitung auf den Wettkampf noch mal durchlesen werde.

Vorbereitung
1. Mehr Trainingskilometer: Ich brauche längere bergige Läufe in der Vorbereitung um Wettkampfhärte aufzubauen.
2. (Bein-)Krafttraining nach langen Läufen, um den spezifischen Wettkampfrhytmus der Getting Tough Race zu üben.
3. Nahrungsergänzungsmittel, insbesondere Magnesium in der Wettkampfwoche, einnehmen – darauf hatte ich dieses Mal fast vollständig verzichtet.
4. Hangeln an der Längsstange üben und eine Technik identifizieren.

Ausrüstung
5. Badekappe mitnehmen, um beim Tauchen am Ende nicht komplett auszukühlen.
6. Handschuhe mit mehr Grip wählen, ich hatte lasche Fahrradhandschuhe.

Rennstrategie
7. Schneller und weiter vorne starten, um mit einer guten Platzierung weniger Druck zum Pacen zu haben.
8. Weniger Pacen: Bei den Anstiegen noch eine Stufe relaxter Laufen.
9. Ausnutzen der flachen Passagen zum „aktiven Regenerieren“

Nachwort: Für die nächste Ausgabe bin ich jetzt schon angemeldet.

Fact Box: Getting Tough Race 2015

Wettbewerb Getting Tough Race
Datum: 05.12.2015
Distanz: 24 km
Zeit: 3:01:21
Platzierung: 273. von 2.212

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4 Gedanken zu „Getting Tough Race: Wenn Oberschenkel und Waden eine Symphonie aus Krämpfen spielen

  1. Guten Tag,

    sehr interessante Infos. Danke!

    Ich habe mir vorgenommen diese Jahr die Race mitzunehmen, bis jetzt habe ich meine Erfahrungen mit Xletix und KrassFit gesammelt. Deine Tipps für die Vorbereitung sind sehr hilfreich! Kannst du vlt noch Tipps zu Bekleidung geben?

    Mit freundlichen Grüßen,

    Sergej

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