Rennsteiglauf: Meine Überholspur durch den Thüringer Wald

Share Button

Als im Ruhrpott lebender Exilthüringer sind Läufe in der Heimat etwas Besonderes. Und damit ist der Rennsteiglauf in diesem Jahr ein absolutes Highlight.

Nach dem Rennsteigmarathon 2011 nahm ich in diesem Jahr zum zweiten Mal am Rennsteiglauf teil. Dieses Mal über die Halbmarathondistanz. Ein Halbmarathon, der es in sich hat mit seinen 293 Höhenmetern. Zum ersten Mal habe ich eine mehrwöchige Trainingsplanung komplett auf einen Halbmarathon zugeschnitten und ihn als einen Saisonhöhepunkt ausgerufen. Doch nicht nur bei mir stand Europas größter Landschaftslauf fett im Kalender, auch bei Anne, die ihre Premiere im Thüringer Wald gab.

IMG_8836-01IMG_20150509_050636-01

Erstklassige Unterstützung beim Heimspiel

Nur wenige Kilometer vom Rennsteig geboren, habe ich beim Thüringenbesuch gleich die gesamte Familie eingespannt. So waren Übernachtung, Logistik und die Speisen drumherum schon mal erstklassig. Damit auch meine Performance erstklassig wird, habe ich mich im Vorfeld schon intensiv mit der Strecke auseinandergesetzt und über Zielzeit und Taktik philosophiert.

Mit 1:31:30 habe ich basierend auf meiner Einschätzung für einen flachen Halbmarathon und den Höhenmetern eine Zielzeit ermittelt, taktisch aufgeteilt in zwei Teile. Auf die erste Hälfte konzentrierten sich überwiegend Anstiege, im zweiten Abschnitt dominierten Abwärtspassagen.

IMG_20150509_050921-01

Block 6 und Bodo als erste Herausforderungen

Anne, die sich auch mit einem auf den Rennsteig zugeschnittenen Trainingsplan vorbereitet hatte, musste wie ich gleich zu Beginn eine schlechte Nachricht verkraften: Start in Block 6 hinter 5.000 anderen Läufern. Weil keiner von uns in den letzten 3 Jahren teilgenommen hat. Das wird knifflig auf den engen Waldwegen, überholen kostet Kraft

IMG-20150509-WA0000 IMG-20150509-WA0001

Über 6.000 Starter mit großartiger Stimmung und Vorfreude standen da am Fuß der Oberhofer Bobbahn und trällerten das Rennsteiglied. Und dann gab’s noch eine unverhofft kuriose Einlage. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow stand auf der Bühne und wurde zum Lauf befragt. Es war schon amüsant, wie wenig er sich auf die Zielgruppe einstellen konnte, die sich 5 Minuten vor einem großartigen Wettkampf befand. Kein Einheizen, kein Bezug zum Sport – nur Plattitüden und nicht echt wirkender Thüringer Pathos. Der Moderator bat ihn in Anbetracht des Ereignisses etwas unpolitischer zu reden. Hat er ignoriert.

Ständiges Überholen: Tempowechseltraining der anderen Art

Aber dann durfte es endlich losgehen. 15 Minuten nach dem ersten Block waren wir an der Reihe. In unserem Segment starteten wir ganz vorne und trennten uns sofort auf Grund der unterschiedlichen Zielgeschwindigkeiten.

Nach ungefähr 2 Minuten passierte etwas, was, wie sich später herausstellte, zum letzten Mal an diesem Tag vorkam: Ich wurde überholt. Ein AK40er kämpfte sich in früher Schnappatmung an mir vorbei (ich sah ihn nach wenigen Minuten noch mal wieder).

Als ich kurze Zeit später auf Block 5 auflief, stellte sich eine konstante Aufgabe für mich ein: Überholen. Überholen auf engen Hohlwegen, Überholen auf krummen Wiesen und Überholen an steilen Anstiegen. Klingt motiverend und nach Spaß – kostet aber Kraft. Ich lief ohne Pulsgurt. Es war eine schiere Herausforderung beim Überholen nicht zu überpacen.

Das Warten auf Lücken und die Tempowechsel, sobald sie sich ergaben kosteten Zeit und Kraft. Ich habe die anvisierten 4:36 min/km bis zur Schmücke knapp nicht gehalten und hatte im Schnitt 4:38min/km.
Durch die sehr unterschiedlichen Kilometer habe ich bis dahin auch etwas den Überblick verloren, wo die Durchschnittszeit liegt. Auf der Schmücke angekommen fühlte ich mich trotz der vielen Überholmanöver noch sehr gut. Schneller wäre es wegen des vielen Verkehrs wohl nicht gegangen ohne partiell zu überreizen.

Ich konnte mich allerdings nicht so richtig freuen, dass es ab jetzt überwiegend bergabwärts geht. Schließlich habe ich diesen Vorteil bei der Ermittlung der Zielgeschwindigkeit des zweiten Abschnitts schon einkalkuliert. Ich wollte mit 4:00 min/km möglichst konstant angestrengt weiterlaufen.

Das Abwärtslaufen ging relativ gut und effizient, ab und an wurde ich durch das Gewühle oder durch scharfe Kurven ausgebremst. Ich war aber erleichtert, dass das Feld jetzt endlich dünner wurde. Ich merkte dass ich noch etwas schneller laufen musste um den 4er-Schnitt zu halten, aber das ging bergab lauftechnisch einfach nicht. Und auf den geraden Abschnitten konnte ich mit Fortschreiten des Wettbewerbs auch nicht mehr so drücken. So dass ein 4:07er Schnitt auf dem zweiten Abschnitt heraus sprang.

Gegen Ende merkte ich, dass ich ganz schön drücken muss, um unter 1:33:00 zu bleiben. Mit einem kleinen Schlusssprint landete ich bei 1:32:58. Und ich war stolz. Mehr ging nicht.

IMG_20150509_094525-01

IMG_20150509_094331-01

Auch Anne kam nach rund 2 Stunden überglücklich und vor Freude strahlend ins Ziel und darf sich jetzt mit recht Rennsteigläuferin nennen.

Qualifiziert für einen vorderen Block

Taktisch gesehen hätte ich wahrscheinlich auf dem ersten Abschnitt noch etwas schneller laufen sollen, da es bei den vielen Abwärtspassagen im zweiten Abschnitt lauftechnisch einfach nicht viel schneller geht. Rückblickend betrachtet bin ich aber sehr gleichmäßig gelaufen. Ich habe keine größeren Schmerzen und Einbrüche erlebt und fühlte mich durchweg gut. Nicht dass Bodos Rede der anstrengendste Moment des Tages war, aber ein bisschen abgehärtet hat mich der gute Mann schon für den Wettkampf.

Die taktischen Erkenntnisse werde ich konservieren, da ich mich mit der Zeit dafür qualifiziert habe, in den nächsten 3 Jahren in einem der vorderen Blöcke zu starten. Dann entfällt das Gedränge und mit leichten Optimierungen ist auch mehr drin in Richtung 1:30:00. Aber ein klein wenig hin- und her gerissen bin ich. Es ist zwar schön sich einen vorderen Block für den Halbmarathon erarbeitet zu haben, aber es gibt ja auch noch den Rennsteig-Marathon, den ich mal wieder anpacken müsste.

Rennsteiglauf 2015

Wettbewerb Rennsteiglauf 2015
Datum: 09.05.2015
Distanz: 21,1 km
Zeit: 1:32:58
Platzierung: 194. von 6468
Platzierung AK: 35. von 463

Share Button

2 Gedanken zu „Rennsteiglauf: Meine Überholspur durch den Thüringer Wald

  1. Hallo Anne und Andi! Ich gratuliere zum Durchhalten und tollen Absolvieren des Rennsteiglaufes! Auch die Dokumentation gefällt mir sehr gut! Ihr wißt ja beide, wie sehr ich sportliche Aktivitäten schätze und achte es sehr hoch, wenn sich jemand bis an seine Leistungsgrenze austestet.Freue mich auf euch am 30.05.2015! Herzliche Grüße Ini

Schreibe einen Kommentar